
Über mich
Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, als er allein am Ende der Bar saß. Das gedämpfte Licht warf lange Schatten über den Raum, und für einen Moment fragte er sich, warum er überhaupt gekommen war.
Vielleicht, weil Stille manchmal lauter sein konnte als jedes gesprochene Wort.
Die Jahre seiner vergangenen Beziehung hingen noch immer an ihm wie ein schwerer Mantel. Zu lange hatte er seine eigenen Wünsche zurückgestellt. Zu lange zugesehen, wie seine Interessen, seine Träume und die kleinen Dinge, die ihn ausmachten, immer weiter in den Hintergrund rückten. Irgendwann hatte er aufgehört, darüber zu sprechen.
Und dann hatte er aufgehört, sich wundern zu lassen.
Bis heute.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren. Eine Gestalt trat hinein, den Blick ruhig, beinahe unnahbar. Nichts Besonderes – und doch schien sich die Atmosphäre im Raum zu verändern.
Er versuchte, wegzusehen.
Vergeblich.
Als sich ihre Blicke für einen kurzen Augenblick trafen, war es nicht Anziehung, die ihn zuerst traf. Es war etwas anderes. Etwas Gefährlicheres.
Das Gefühl, gesehen zu werden.
Nicht die höfliche Aufmerksamkeit, die Menschen einander schenkten. Sondern das unangenehme, intensive Gefühl, als könnte jemand hinter die sorgfältig errichteten Mauern blicken.
Er senkte den Blick auf sein Glas.
„Du wirkst, als wärst du auf der Suche nach etwas“, sagte die Stimme wenig später.
Er lachte trocken.
„Vielleicht bin ich das.“
„Und hast du es gefunden?“
Die Frage traf härter, als sie sollte.
Er dachte an die Jahre des Schweigens. An all die unausgesprochenen Wünsche. An die Entscheidungen, die andere für ihn getroffen hatten. An die Version seiner selbst, die irgendwo auf dem Weg verloren gegangen war.
„Nein“, antwortete er schließlich.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Doch die Stille fühlte sich diesmal anders an.
Nicht leer.
Sondern voller Möglichkeiten.
Draußen zog ein Gewitter über die Stadt. Drinnen begann etwas, das sich weder wie Zufall noch wie Schicksal anfühlte. Eher wie der erste Schritt in eine Geschichte, deren Ende niemand vorhersagen konnte.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er keine Angst davor, das nächste Kapitel aufzuschlagen.
Die lernen wir kennen, wenn wir bis zur Grenze gegangen sind.




