Vielleicht öffne ich gerade die Büchse der Pandora mit diesem Thema, aber trotzdem würde mich mal die Ansicht von anderen BDSM-Praktikern interessieren.
Ich bin seit rund 7 Jahren in einer Beziehung mit einem Nicht-BDSM'ler und hatte ebenso lang keinen Kontakt mehr 'zur Szene'. Vor meiner aktuellen
Weiterlesen…Partnerschaft war ich über 3 Jahre in einer sehr ereignisreichen BDSM-Beziehung, in der ich eine Menge erleben durfte, viel Spaß, Spannung und Sicherheit erlebt habe, vor allem auch im Bekanntenkreis innerhalb der Szene. Ich als Sub habe mich immer sehr geborgen und aufgehoben gefühlt, ebenso wertgeschätzt und akzeptiert. Nun habe ich mich hier angemeldet und bin...ziemlich erstaunt, wie sich anscheinend die allgemeine Grundstimmung geändert hat, zumindest kommt es mir so vor.
Im Forum bin ich immer wieder über Kommentare gestolpert deren Grundtenor ist "Subs, allgemein sexuell Devote, haben alles zu machen, was man ihnen sagt. Jede noch so dumme Grille ihrer Tops ist umzusetzen. Wer das so nicht macht ist nicht devot." Das geht von sexuellen Diensten, über irrwitzige Verhaltensvorgaben bis hin zum erdulden von Praktiken, die die jeweiligen Subs ganz klar als unangenehm beschreiben, aber "solange es kein Tabu ist, kann man das machen. Und auch bei Tabus kann man ja mal gucken".
Mir bleibt bei sowas im negativstem Sinne der Mund offen stehen. Ich habe den Grundgedanken hinter BDSM anders kennen gelernt und bin ernüchtert darüber, wie sich eine Welt, in der es (nach meiner Erfahrung) zu aller erst um Vertrauen ging, anscheinend zu etwas wandeln konnte, dass wirkt wie der verkappte Wunschtraum eines Südstaaten-Farmers.
Ich habe ein BDSM kennen gelernt, in dem der Dom weitaus mehr Verpflichtungen hat als seine Subs. Hier sehe ich zig Leute, die sich als dominant bezeichnen, dies allerdings anscheinend als einen Zustand interpretieren, der ihnen Narrenfreiheit und gesicherten, uneingeschränkten Zugang zu jeder devoten Person (sofern nicht an einen anderen Dom gebunden) garantiert. Es wird als Recht angesehen mit der eigenen Sub einfach alles zu machen auch gegen ihren oder seinen Willen und auch gegen Absprachen. Denn wer devot ist ist in jedem Fall immer froh und glücklich darüber, gegen jedweden gesunden Menschenverstand, das zu machen, was jemand anderer von einem verlangt.
Ist das inzwischen wirklich die Grundhaltung? Selbst von Subs lese ich hier wieder und wieder "Wenn mein Dom das will, muss ich das machen". Der Begriff Domina wird mehr oder weniger offen mit einer Sexdienstleisterin verknüpft, denn offenbar muss ein Großteil der devoten Heteromänner "ihrer Herrin" Geld bezahlen, wenn sie gemeinsam Zeit verbringen.
Mein Top hat damals auch viele verrückte Sachen mit mir angestellt. Mich auf Parties nackt in die Mitte gestellt, mich an andere ausgeliehen, mich stundenlang vollgefesselt irgendwo abgelegt, mich ausgepeitscht - aber all diese Sachen sicher nicht nach 2 Wochen Internetkontakt, oder nach ein oder zwei Treffen. Es hat Monate gedauert, ehe er mich gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte (!) mit ihm auf eine Ds-Party zu gehen. Und nein, er empfand es nicht als "unter seiner Würde" mich zu fragen, ob ich etwas will. Was ich will, wie ich es will. Zu Beginn unserer Beziehung hat er mich regelrecht mit Fragen bombardiert. Kommandos...die kamen erst viel später. Dieser Mann legte eine so perverse Geduld an den Tag, dass ich mich nie davor gefürchtet habe, wenn er irgendetwas Neues vorschlug, ich wartete eigentlich sogar ungeduldig darauf.
Heute scheint es mir so, dass die Dominanten ihre Suche nach einer passsenden Spielgefährtin gestalten wie eine Ebay-Kleinanzeige oder eine Bestellung bei Amazon. Und bitte per Express-Versand. Wie häufig ich schon Profile gelesen habe in denen zusammen gefasst stand "Suche: Unterwürfige, hingebungsvolle Sie, die mir in allen Belangen zu Diensten ist. Biete: Ich habe ein bisschen Sexspielzeug" kann ich nicht zählen. Und wenn sich dann heraus stellt, dass das angesprochene Subbie nicht das willenlose Stück Fleisch ist, das man gerne hätte, dann wird losgepöbelt. Denn als Dom oder Domse darf man eben alles.
Ist das inzwischen wirklich der Standart? Erwartet die Szene von ihren Devoten völlige Willensfreiheit in allen Belangen? War es vielleicht schon immer so und ich hatte nur das Glück in einer Gruppe zu sein, die an sich andere Maßstäbe setzte? Ich hatte (früher) bei allen echten Kontakten mit Doms und Domsen bisher eigentlich immer die Erfahrung gemacht, dass es unter ihrer Würde war irgendwen zu etwas zu zwingen, sei es nun verbal oder körperlich. Ich habe mich in ihrer Gegenwart nie unwohl oder verunsichert gefühlt. Sicherlich auch, weil mein damaliger Partner sehr viel Vertrauens- und Aufbauarbeit geleistet hat. Bei echten Sadisten wird das wohl anders laufen, da dies aber schon damals eine wirklich kleine Randgruppe war, kann ich mir nicht vorstellen, dass jetzt plötzlich 90% der Doms und Domsen auf einmal Sadisten sind.
Ist mein Eindruck zu schwarz oder ist der Teil der Tops, die viel Zeit in die Vertrauensbildung zur ihrem Sub stecken wirklich inzwischen verschwindend gering? Ist man heute nicht mehr devot genug, wenn man einen eigenen Willen hat? Ist es ein absolutes Tabu dem Dom zu widersprechen oder gar nicht das zutun, was er verlangt? Gibt es überhaupt noch Doms und Dominas, die erst mal wissen wollen, welche Stärken und Schwächen ihr Sub hat bevor es ans auspeitschen geht?
Fragen über Fragen, bitte kreuzigt mich nicht gleich sofort ^^'